ANNA NEUMANN VON WASSERLEONBURG

Anna Neumann von Wasserleonburg war eine herausragende Frau ihrer Zeit, evangelischen Glaubens, äußerst gewandt in wirtschaftlichen Angelegenheiten, vielfach verkannt und immer nur mit ihren zahlreichen Ehen in Verbindung gebracht. Ihre Geschichte fasziniert, drei Bücher wurden über sie geschrieben, zwei in Romanform. Ihr Leben ist begleitet vom Kampf der steirischen und Kärntner Landedelleute um die freie Religionsausübung ihres lutherischen Glaubens im katholischen Österreich. Am Ende stehen ein gänzliches Verbot, der Zwang zum katholischen Bekenntnis, Vertreibung, Auswanderung. Genau das kann man im dem Leben der Anna Neumann erkennen.

Anna-Neumann wurde am 25.11.1535 als Tochter des Villacher Kaufmannes Wilhelm Neumann von Wasserleonburg und dessen Gattin Barbara geboren. Sie lebte in einer äußerst bewegten Zeit mit 8 Hugenottenkriegen (1562 bis 1598) und dem 30jährigen Krieg (1618-1648). Sie heiratete mit 22 Jahren Hans Jakob von Thannhausen, der jedoch bald nach der Geburt der zweiten Tochter 1560 starb.

Von ihrer Mutter arrangiert, heiratete Anna 1566 Freiherrn Christoph II von Liechtenstein. Sein Vorfahre, der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein, wird 1250 als Besitzer der Burg Murau genannt und dessen Sohn Otto verlieh der Siedlung am Fuße der Burg 1298 das Stadtrecht. Die Liechtensteiner gehörten vom 12. bis ins 14. Jahrhundert zu den ersten Ministerialen der Steiermark und hatten über drei Jahrhunderte Anteil an der Geschichte der Stadt, wenn auch mit Höhen und Tiefen. Zur Zeit der Heirat hatte die Familie Liechtenstein Schulden in der Höhe von 52.000 fl, die Hauptgläubigerin war die Mutter von Anna, Barbara Neumann, mit 37.000 fl.

Nachdem ihr Stiefvater, ihr Bruder und 1572 auch ihre Mutter verstarben, erbte Anna deren gesamten Besitz und wurde somit auch Hauptgläubigerin der Familie ihres Mannes. Sie kaufte 1574 die Herrschaft Murau um 76.000 Pfund Pfennig, was heute einem ungefähren Wert von 28 Millionen Euro entspricht. 1580 verstarb Christoph nach 14jähriger Ehe.

Zwei Jahre später, 1582, ehelichte die 46 jährige Witwe den um 10 Jahre älteren Freiherrn Ludwig Ungnad von Weissenwolf, einen Führer der Protestanten. Die Beweggründe zur Heirat waren sicherlich nicht Besitz und Geld, sondern vermutlich Wohlgefallen an der Person und die gleiche Glaubenseinstellung. Ludwig war ein Lebemann, Schulden zu haben, war für ihn selbstverständlich. Daher dürfte die Ehe nicht sehr harmonisch verlaufen sein und Anna distanzierte sich wohlweislich von den Geschäftspraktiken ihres Mannes, der drei Jahre nach der Eheschließung bereits verstarb.

Von 1586 bis zu seinem Tode 1610 war Anna mit Freiherrn Karl von Teuffenbach verheiratet, der an den Geschäften seiner Frau regen Anteil nahm. Eine Besonderheit: er kaufte in der Krakau ein Grundstück und ließ dort in einer Arbeitszeit von sieben Wochen den heute noch bestehenden Etrachsee anlegen.

Anna Neumann hatte auf Grund ihrer Geschäftstüchtigkeit und ihres Reichtums auch Neider  und war vielen Angriffen ausgesetzt. Einerseits wurde ihr auf Grund ihrer vielen Ehen eine „weiße Leber“ nachgesagt, andererseits wurde sie zweimal (1591 und 1602) beschuldigt, Unwetter angeschafft zu haben, damit sie ihre Ernte zu überhöhten Preisen verkaufen konnte. Es kam zu keiner Verurteilung, vielmehr wurden die Denunzianten hingerichtet.

Nach dem Tod von Carl von Teuffenbach war Anna Neumann 75 Jahre alt und wollte mit der Absicherung ihres Besitzes auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters nicht lange zuwarten. In diesem Sinne sind daher die nachfolgenden zwei Ehen als Adoptionen zu bezeichnen.

1611 heiratete sie den dreißigjährigen Grafen Ferdinand von Ortenburg aus dem Hause Salamanca. Fünf Jahre dauerte die Ehe, der von „ständiger Leibesschwachheit“ geplagte junge Mann starb im 35. Lebensjahr.

Ulrich Freiherr zu Eggenberg, einflussreicher Ratgeber des Erzherzog Ferdinand und späteren Kaisers, vermittelte die Verbindung mit dem jungen Georg Ludwig Reichsgraf zu Schwarzenberg, da die 81jährige Anna einen würdigen Erben aus dem Hochadel für ihr großes Vermögen suchte. Die Ehe wurde am 25. Juli 1617 geschlossen, wenige Monate nach der Hochzeit siegelte Anna Neumann die Schenkungsurkunde für den Fall ihres Todes, mit der Georg Ludwig Reichsgraf zu Schwarzenberg  die Herrschaft Murau samt allen Rechten und Pflichten erhalten sollte; die Urkunde wurde von Erzherzog Ferdinand bestätigt. Auch als Kaiser begehrte Friedrich die Dienste des Reichsgrafen zu Schwarzenberg. So finanzierte Anna ihrem Mann eine 22monatige Reise im Dienste des Kaisers, der kurz vor ihrem Tod nach Murau zurückkehrte. Am 18. Dezember 1623 verstarb Anna Neumann im Alter von 88 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war der Kaiser bei Anna Neumann mit 340.000 fl. verschuldet (nach heutigem Wert € 84 Mio), das Erzstift Salzburg, vertreten durch den Domprobst Paris Lodron, mit einer Summe von 23.000 fl. (nach heutigem Wert € 5,7 Mio).

Anna Neumann wurde die Bestattung in der Stadtpfarrkirche auf Grund ihres Glaubens verwehrt, ihr Sarg wurde in einer Nische der Elisabethkirche eingemauert. Das war aber nicht die letzte Ruhestätte der Herrin von Murau. 1859 wurde der Sarg von einem Altertumsforscher mit Bewilligung der Herrschaftsadministration Murau und unter Beisein von Mitgliedern der Murauer Bevölkerung auf unwürdige Weise geöffnet. Um weitere Plünderungen zu verhindern, ordnete Johann Adolf zu Schwarzenberg nach langen Verhandlungen mit der katholischen Kirche erst 1873 die Überführung des Sarges in die Familiengruft der Kapuzinerkirche an. Die ursprüngliche Grabstelle in der Elisabethkirche wurde 2018 von der evangelischen Kirche und dem evangelischen Diözesanmuseum Steiermark restauriert und zugänglich gemacht.

Leistungen, die bis heute wirken
Die „Herrin von Murau“ prägte über 58 Jahre die Geschicke der Stadt. Anna Neumann war sehr sozial eingestellt, bewirtete arme Leute und Bettler, gab ihnen Essen, Kleidung und ein paar Kreuzer. 1576 wurde das Spital erweitert, es wirkten in unterbrochener Reihenfolge sieben evangelische Pfarrer, davon in ihrer Regierungszeit. Anna Neumann regelte die Holz- und Weiderservitute für 101 bestehenden Bürgerhäuser, sowie die Vermögensverhältnisse der Stadtpfarrkirche, der sie 1605 zwei prächtige Messingleuchten stiftete. 45 Häuser verfügen noch heute über die erwähnten Servitute, die betroffenen Waldgrundstücke stehen im Eigentum und der Verwaltung der Stadtgemeinde Murau. Die „Lange Gasse“ erhielt 1913 die neue Bezeichnung „Anna-Neumann-Straße. Beginnend bei der Bahnhofbrücke verbindet sie gemeinsam mit der Liechtensteinstraße den Schillerplatz mit dem Raffaltplatz.

Quelle:
Anna Neumann von Wasserleonburg, Die Herrin von Murau, Wolfgang Wieland, Wolfgang Hager Verlag
Romane
Die Herrin, Dr. Senta Eck, (sentaeck1@gmx.at), Hora Verlag, ISBN 978-973-0-04853-7

 

 

 



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